Zur Problematik des Haitauchens


Entgegen der allgemeinen Einschätzung ist das größte Problem der Haifotografie nicht die Aggressivität der Haie, sondern die Notwendigkeit, die Tiere sehr nahe an die Kamera heranzu-bringen. Gute Haifotos entstehen meist aus Aufnahmeabständen von weniger als einem Meter. Taucher und Unterwasserfotografen ködern aus diesem Grund die Haie oftmals mit toten Fischen oder Blut an. Diese Vorgehensweise ist nicht unbedenklich. Bei regelmäßiger Anfütterung können sich die Haie an die Anwesenheit der Taucher gewöhnen und ihre natürliche Zurückhaltung verlieren. Dabei kam es in der Vergangenheit schon zu Angriffen, insbesondere dann, wenn die Taucher kein Futter für die Haie mit sich führten.

Käfigtauchen mit Weißen Haien ist in den letzten Jahren vor allem in Südafrika und in Kalifornien sehr populär geworden. Dort findet das Tauchen unmittelbar vor der Küste statt, was zu Protesten der Bevölkerung, vor allem von Surfern und Badenden geführt hat. In Südafrika hat der Haitourismus in den vergangenen Jahren stark zugenommen, so daß die natürlichen Verhaltensmuster der Tiere zum Teil nicht mehr gewährleistet waren. Von einigen Veranstaltern werden die Weißen Haie dabei als Touristenattraktion regelrecht vorgeführt. Dabei wird der Weiße Hai in respektloser Weise zum Schauobjekt degradiert. Gleichzeitig wird die Gefährlichkeit dieser Tiere unterschätzt. Mangelhafte Ausbildung und fehlende Erfahrung seitens der Crew und der Taucher führten in der Vergangenheit bereits zu Verlusten an Booten und Käfigen. Mittlerweile wurden in Südafrika Regeln zur Beobachtung erlassen und nur noch speziell lizensierte Veranstalter können Hai-Touren heute anbieten.

Bei der geschilderten Tauchexpedition in Südaustralien treten derlei Probleme in der Regel nicht auf. Die Inselgruppe, vor der die Haie angefüttert wurden, liegen über zweihundert Kilometer vom nächsten Badestrand entfernt. Da die Tour nur wenige Male pro Jahr durchgeführt wird, ist die Gefahr, daß die Haie ihre natürliche Verhaltensweise ändern, minimal. Die Anzahl möglicher Veranstalter derartiger Haiexpeditionen ist in Australien per Gesetz geregelt. Dies gilt auch für die Art der zu verwendenden Köder. Fleischabfälle, die Krankheiten auf die Haie übertragen könnten, sind verboten. Auf der beschriebenen Tour wurden lediglich tiefgekühlte Thunfische verfüttert, die keine Gefahr für die Haie bedeuten. Auch die Sicherheit der Taucher wird großgeschrieben.

Rodney Fox ist der erfahrenste und wahrscheinlich verantwortungsvollste Veranstalter dieser Touren. Sein primäres Anliegen ist eine Aufklärung der Öffentlichkeit und ein Engagement für die Erhaltung der Weißen Haie.

Die Begegnung mit Weissen Haien ist sicher eines der aufregendsten Erlebnisse für jeden Taucher. Es ist letztendlich auch eine Abwägung zwischen Eingriff in die Natur und der Chance, das schlechte Image des Weissen Haies in ein besseres Licht zu rücken. In jedem Fall sollte dieses beeindruckende Naturerlebnis nicht zur Zirkusnummer degradiert werden. Mensch und Tier haben gleichermaßen Respekt und Achtung verdient - dies gilt auch für den Weißen Hai.


Text und Bilder Copyright 2003 Dr. Jochen Bayer