Der Motorsegler Falie vor den North Neptune Islands

Pelzrobben vor den North Neptune Islands









































Andrew Fox bei der Zubereitung des Hai-Cocktails






Jochen Bayer beim Anködern









Der erste Hai taucht schon nach 2 Stunden auf










Tauchen mit dem Weißen Hai


Während einer 10-tägigen Tauchexpedition in Südaustralien hatte ich Gelegenheit, ein eigenes Bild vom Weißen Hai zu gewinnen. Unter der Leitung von Rodney Fox machte ich mich gemeinsam mit 13 Tauchern aus Deutschland, England, USA, Canada und Hongkong an Bord des Motorseglers Falie auf den Weg in das Reich des Weißen Haies. Rodney Fox ist einer der weltweit führenden Weisshai-Experten und organisiert mehrmals im Jahr Tauchexpeditionen, die es ermöglichen, den Weißen Hai in seinem natürlichen Lebensraum zu erleben. Rodney wurde 1963 von einem Weißen Hai angegriffen und schwer verletzt. Durch eine Verkettung glücklicher Zustände überlebte er den Angriff und widmet seither dem Meeresräuber seine ganze Aufmerksamkeit. Nahezu alle Film- und Fernsehproduktionen wurden unter seiner Leitung produziert.

Ausgerüstet mit drei Haikäfigen und großen Mengen an Blut und Thunfischen steuerten wir eine vorgelagerte Inselgruppe 200 km südwestlich von Adelaide an. Die North Neptune Islands beheimaten zahlreiche Pelzrobben, die dort von Januar bis März ihre Jungen zur Welt bringen - eine unwiderstehliche Beute für die Weißen Haie. Vor der Begegnung mit dem großen Räuber stand jedoch noch ein ganz besondere Tauchgang auf dem Programm.



Tauchen in der Speisekammer des Weissen Haies


Auf halbem Weg ankert die Falie in der Nähe einer kleinen Insel, die eine Kolonie der seltenen australischer Seelöwen beheimatet. Hier haben wir Gelegenheit für einen ersten Testtauchgang. Kaum im Wasser schwimmen die neugierigen Tiere auch schon aufgeregt um uns herum. Die seltsamen Gestalten im Wasser scheinen sie sichtlich zu interessieren. Besonders angetan sind sie von den Flossen der Taucher und während ein Tier den Fotograf mit flinken Piruetten und neugierigen Blicken in die Kamera ablenkt, testet sein hungriger Kumpel dessen Flossen auf Ihre Bißfestigkeit.

Inmitten des lustigen Treibens vergißt man schnell, daß man hier praktisch auf dem Präsentierteller taucht. Denn wo es Seelöwen gibt, gibt es auch Weisse Haie. Als die Seelöwen dann plötzlich verschwunden sind wird einem dies blitzartig bewußt. Das rettende Ufer ist zwar nur 50 Meter entfernt, doch im Falle eines Angriffs sind das 50 Meter zu viel. Lange gespannte Sekunden und kein Seelöwe in Sicht - und Gott sei dank auch kein Hai. Letztendlich haben alle diesen Tauchgang heil überstanden und beim Abendessen gibt es schon die ersten Heldentaten zu berichten.



Warten auf den Grossen Weissen

Noch am gleichen Abend geht es weiter in Richtung Neptunes Islands. Als wir am darauffolgenden Morgen am Tauchplatz ankommen, wird sofort damit begonnen, eine Duftspur aus Blut im Wasser auszulegen. Zudem wird ein spezieller Cocktail nach Geheimrezept von Rodney Fox ins Wasser gegossen.


Rodney Fox bei der Feinab-stimmung des Getränks






Kameramann in Blutwolke





Durch seine Fähigkeit, Blut in millionenfacher Verdünnung im Wasser wahrzunehmen, stehen die Chancen, dass ein Hai dieser Spur folgt, nicht schlecht. Doch manchmal kann es Tage dauern, bis der erste Hai auftaucht und auf einigen Expeditionen wurden überhaupt keine Haie gesichtet. Doch wir haben großes Glück. Schon nach zwei Stunden taucht die unverkennbare graue Rückenflosse eines Weissen Haies an der Wasseroberfläche auf.


Eilig werden die Käfige zu Wasser gelassen, und ich habe die Chance, als erster den Sprung in einen der Stahlkäfige zu wagen. Die Sicht im 18 Grad warmen Wasser beträgt knapp 20 Meter, doch vom Hai ist zunächst keine Spur zu sehen.Wie aus dem Nichts taucht er plötzlich vor mir auf - ein 4 Meter großer männlicher Weißer Hai. Elegant und scheinbar mühelos bewegt er seinen stromlinienförmigen Körper durchs Wasser. Vorsichtig umkreist er Käfig, Boot und Taucher sowie die im Wasser ausgelegten Thunfischbrocken. Erst nach sorgfältiger Inspektion und mehreren Scheinangriffen verspeist er einen der Thunfischköder. Von der dem Hai nachgesagten blinden Aggressivität ist nichts zu sehen und als Beobachter stellt man sich die Frage, wie ein derart scheues Tier sich über Jahrmillionen hinweg im Selektionsprozeß der Evolution behaupten konnte.


Entschließt sich ein Weißer Hai allerdings zum Angriff, wird einem die Notwendigkeit des Schutzkäfiges schnell bewußt. Drei Flossenschläge beschleunigen den Hai auf Angriffsgeschwindig-keit und mit weit aufgerissenem Rachen schießt er auf seine Beute zu. Mittels eines komplexen Wahrnehmungssystems kann er diese auch in trübem Wasser lokalisieren. Neben einem ausgezeichneten Hör- und Sehvermögen, besitzten Haie hochempfindliche Sensoren, die es ihnen ermöglichen, selbst geringste bioelektrische Felder, die durch den Flossen- oder Herzschlag von Fischen entstehen, zu orten. Beim Zubeißen kommt eine der gefährlichsten Waffen im gesamten Tierreich zum Einsatz. Das Gebiß des Weißen Haies besteht aus mehreren Reihen rasiermesserscharfer Zähne, die bei Bedarf revolverartig nachrücken. Mit Leichtigkeit durchtrennt er die stabilen Nylonseile, an denen die Köder befestigt sind. Letzte Zweifel an der Gefährlichkeit der Haie sind damit beseitigt.

Nach 2 Stunden endet meine erste Begegnung mit dem großen Meeresräuber, die alle hochgesteckten Erwartungen bei weitem übertraf.

In den folgenden 6 Tagen sahen wir insgesamt 7 verschiedene Weiße Haie, wobei bis zu 5 gleichzeitig die Käfige umkreisten. Oftmals attakkierten die Haie Käfige, Boot und Taucher, doch unser erster Eindruck blieb auch in den weiteren Tauchgängen erhalten. Majestätisch, geheimnisvoll und scheu - das waren die Worte, mit denen wir unsere Erlebnisse beschrieben. Das Tier auf der anderen Seite der Gitterstäbe war keineswegs die primitive Tötungsmaschine, für die der Hai im allgemeinen gehalten wird, sondern ein High-Tech-Produkt der Evolution, zweifellos gefährlich, aber auch anmutig und von eigener Schönheit.

Als die Reise nach 10 Tagen zu Ende ging, war für uns alle ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Gemeinsam hatten wir dem großen Räuber Auge in Auge gegenübergestanden - ein Erlebnis, das bislang nur wenigen zuteil wurde. Gemeinsam verband uns aber auch die Sorge um den Fortbestand einer der faszinierendsten und am wenigsten verstandenen Tierarten der Erde.





Text und Bilder Copyright 2002 Dr. Jochen Bayer